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Suizid einer Iserlohner Schülerin: „Niemand darf wegschauen“

Iserlohn. Die 15-jährige Schülerin Dharuna hat sich in Iserlohn das Leben genommen. Die Familie ist geschockt und spricht jetzt von schwerem Mobbing.


Einen so erschütternden Fall eines Suizids hat es in Iserlohn unseres Wissens nach noch nie gegeben. Die 15-jährige Dharuna hat sich am Donnerstag vor einer Woche in ihrem Kinderzimmer das Leben genommen. Wie unermesslich verzweifelt muss dieses Kind gewesen sein, um diesen unfassbaren Schritt zu tun? Und was müssen ihre Familie, ihre Eltern und ihre fünf Geschwister seitdem erleiden?


„Wir können es immer noch nicht fassen“, sagt die älteste Tochter Nixsala Kumar beim Gespräch mit der Familie am Mittwoch, nachdem ihre jüngere Schwester direkt am Tag nach dem Suizid damit in den sozialen Medien an die Öffentlichkeit gegangen war.


Nixsala Kumar ist 23 Jahre alt, hat selbst schon Kinder, und hat, wie sie sagt, immer viel und lange mit ihrer kleinen Schwester gesprochen. Kommen sehen habe aber auch sie den Freitod von Dharuna nicht. Dass es ihr nicht gut geht, hätten alle gewusst – im Grunde schon seit Jahren. „Sie hat sich das aber nicht so anmerken lassen“, sagt die Schwester. „Sie war so ein Sonnenschein, so eine Seele. Sie hat immer gelacht. Wir hätten niemals gedacht, dass so etwas passieren kann.“


Die Mutter sagt kaum etwas. Der Vater meint, er könne jetzt gut darüber reden. Wenn er allein sei, platze aber sein Kopf vor schlimmen Gedanken. Auch eine knappe Woche nach dem Suizid steht die Familie noch spürbar unter Schock und ist weit davon entfernt, diesen wohl schlimmsten aller Schicksalsschläge irgendwie verarbeitet zu haben.


Der Grund für den Suizid ihres Kindes ist für die Eltern und die Geschwister eindeutig: „Dharuna ist schwer gemobbt worden“, wiederholt Nixsala Kumar das, was ihre 21-jährige Schwester, Janika Moorthy, schon direkt am vergangenen Freitag über Instagram verbreitet hat. Die Geschichten, die sie darüber erzählen, wie Dharuna von einigen ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler behandelt worden sein soll, die sie aber auch nur aus Erzählungen einer Freundin von Dharuna kennen, sind sehr unschön. Mit Scherben und mit Dreck soll sie beworfen worden sein – beleidigt und herabgewürdigt sowieso.


Wechsel zur Realschule sollte ein Neustart sein


Diese Geschichte ist umso erschütternder, weil das Mädchen schon so lange gelitten haben muss. Bereits auf der Brabeckschule in Iserlohn, einer Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen, habe es mit dem Mobbing angefangen. „Dharuna hat da ihr Selbstwertgefühl verloren. Sie hat angefangen, sich selbst zu hassen und sich zu ritzen“, sagt Nixsala Kumar. Schon da habe sich das Mädchen in psychologische Behandlung begeben.


Der Wechsel auf die Realschule am Hemberg sei für sie ein Neustart gewesen, sie sei am Anfang sehr glücklich dort gewesen. Dann aber sei sie auch da schwer gemobbt worden und am Ende vollkommen isoliert gewesen. Im Sommer wollte sie nach dem Abschluss zum Berufskolleg gehen. Pläne habe es viele gegeben. Auch deswegen wirke ihr Suizid auf die Familie wie eine Affekthandlung.


„Wir können Dharuna nicht zurückholen“, sagt Nixsala Kumar. „Wir müssen aber alles tun, damit so etwas nie wieder passiert. Wir müssen andere Kinder schützen, die in einer ähnlichen Situation sind.“ Gegen die Schule erhebt die Familie in diesem Zusammenhang schwere Vorwürfe – auch, weil ihre „Hilferufe nicht gehört“ worden seien, wie Janika Moorthy auf Instagram schreibt. Die Familie sucht bewusst die Öffentlichkeit über die sozialen Medien, um, wie sie sagt, gegen die Folgen von Mobbing zu kämpfen. Auch den bundesweit bekannten und medienwirksam gegen Mobbing kämpfenden Coach Carsten Stahl hat die Familie bereits eingeschaltet.


Letzte Posts auf TikTok stimmen nachdenklich


Dementsprechend hoch sind die Wellen, die der Fall von Dharuna in den sozialen Medien unter den Iserlohner Jugendlichen schlägt – weit über die Schule hinaus. Dort kursieren auch TikTok-Videos von Dharuna, in denen sie ihren Freitod nicht ankündigt, die aber im Nachhinein sehr nachdenklich stimmen. „Niemand weiß, wie oft ich in meinem Zimmer geweint habe, wie oft ich die Hoffnung verloren habe“, schreibt sie da.


Oder: „Der Mund lacht, aber die Augen sind tot“. Und: „Ich möchte einfach verschwinden, und das für immer.“ Von Mobbing spricht sie selbst in ihren Posts nicht. Letztlich bleibt vieles Spekulation. Dass sie auf TikTok aber auch viele einschlägige Videos repostet hat, lässt darauf schließen, dass sie sich dort in einer Art Blase bewegt hat, in der sie ihrem Profil und ihrem Klickverhalten entsprechend mit derartigen Botschaften bombardiert wurde. Auch das ist sicherlich kein guter Einfluss für verunsicherte und sensible Teenager.



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